Hat mein Hund epileptische Anfälle?

Vor ein paar Tagen habe ich bei unserem Collierüden Sam (4 Jahre) einen merkwürdigen Anfall erlebt. Er fiel plötzlich um, strampelte mit den Beinen, bog den Kopf nach hinten und speichelte stark. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, aber er reagierte nicht. Es war schrecklich. Nach ein paar Minuten war alles vorbei. Sam erholte sich und legte sich wieder ganz normal hin um sich auszuruhen. War das ein epileptischer Anfall? Kann er das wiederholen? Sylvia K., Rostock

Liebe Frau K.,
es wäre schön, wenn es bei Sam bei dieser einmaligen Episode bliebe. Nach einem ersten epileptischen Anfall haben Sie kaum andere Alternativen als abzuwarten, ob sich der Anfall wiederholt. Zur Sicherheit empfehle ich Ihnen Sam und sein Blut untersuchen lassen. Manchmal ähneln sich das Kollabieren eines Hundes, unnormale Verhaltens- und Bewegungsabläufe, Gleichgewichtsstörungen, starke Schmerzen oder Schwäche mit epileptischen Anfällen.

Von Epilepsie sprechen wir bei einer chronischen Gehirnerkrankung, wenn die Anfälle mehrfach auftreten. Eine ursächliche Erkrankung wird nicht gefunden. Der erste Anfall tritt bei Hunden im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren auf. Epileptische Anfälle entstehen durch eine plötzlich auftretende, jedoch zeitlich begrenzte, elektrische Entladung der Nervenzellen des Großhirns. Das kann man sich wie ein Gewitter im Gehirn vorstellen. Die Hunde verlieren das Bewusstsein und zeigen Krämpfe. Sie rudern mit den Beinen. Speichel fließt. Kot und Harn können oft nicht bei sich behalten werden. Ein Anfall dauert meist nicht länger als ein bis zwei Minuten.

Wir unterscheiden die echte von der erworbenen, symptomatischen Epilepsie. Bei der echten Epilepsie handelt es sich um eine bei einigen Hunderassen  erbliche  Anfallserkrankung. Zu diesen Rassen zählen u.a. Beagle, Belgischer Schäferhund, Bernhardiner, Retriever, Berner Sennenhund, Collie, Dackel, Terrier, Deutscher Schäferhund, Husky, Setter, Schnauzer und Pudel.  Daher ist es  wichtig, dass Besitzer  eines Rassehundes ihren Züchter und/oder Zuchtwart über das Leiden ihres Hundes informieren, damit die Fälle registriert werden. Dann müssen entsprechende züchterische Schritte zur Bekämpfung unternommen werden.

Die erworbene, symptomatische Epilepsie tritt z.B. nach Verletzungen, Unfällen oder Entzündungen des Gehirns auf.

Die Untersuchung mit dem EEG hat sich beim Hund als sehr problematisch herausgestellt. Es gibt keinen Test, mit dem sich Epilepsie nachweisen lässt. Der Tierarzt ist auf die Beobachtungen der Besitzer angewiesen. Hilfreich ist es, die Anfälle auf dem Video festzuhalten, damit Ihr Tierarzt die Stärke, Länge und Häufigkeit besser einschätzen kann. Er versucht,  alle Erkrankungen, die ebenfalls Anfälle provozieren, auszuschließen. Dazu wird der Hund gründlich klinisch und neurologisch untersucht. Hat eine Toxoplasmose die Krämpfe ausgelöst? Die labordiagnostische Untersuchung gibt Auskunft, ob Stoffwechselstörungen wie Diabetes vorliegen bzw. ob der Kalziumspiegel in Ordnung ist. Die Kontrolle der Hirnflüssigkeit ist wichtig, um eine mögliche entzündliche Reaktion  im  Gehirn zu entdecken. Aber auch Leber, Niere und das Herz-Kreislaufsystem müssen gecheckt werden. Letztendlich kann eine CT- oder MRT-Untersuchung Auskunft darüber geben, ob Gehirnerkrankungen wie Tumore für die Anfälle verantwortlich sind. Tiere mit Epilepsie zeigen hier völlig normale Befunde. Selbst die genaue Untersuchung des Gehirns von verstorbenen epileptischen Hunden brachte keine ungewöhnlichen Ergebnisse.

Was können Sie jetzt für Sam tun? Bitte halten Sie Sam unter ständiger Beobachtung, ob sich der Anfall wiederholt. Wenn Sie ihn allein lassen müssen, achten Sie darauf, dass Raum und  Gegend keine potentielle Verletzungsgefahr bei einem Anfall bietet. Unübliche Speichelmengen  in seinem Fell, Kot oder Urin würden einen Hinweis auf einen erlittenen Krampf geben.

Jeder epileptische Anfall stellt eine extreme körperliche Anstrengung für das Tier dar. Aber auch beim Halter sind oft die Grenzen erreicht. Wenn der Anfall vorbei ist, sind die Hunde sehr erschöpft und benötigen Ruhe.  Man muss mit Bewusstseins- und Persönlichkeitsänderungen rechnen. Manche Tiere reagieren panisch, ängstlich oder greifen sogar ihre eigenen Besitzer oder andere Familienhunde an.

Erscheinen die Anfälle häufiger als ein Mal pro Monat und sind sie schwerer Natur, werden Antiepileptika verabreicht. Die Einstellung auf das Medikament erfordert wiederum viel Beobachtungsgabe, Geduld und regelmäßigen Besuch beim Tierarzt. Bei etwa 40% der Epileptikerhunde glückt die Einstellung nicht. Die Prognose sieht dann für das Tier sehr traurig aus. Bei etwa 30% der Patienten wird durch die Medikamente die Anfallshäufigkeit verringert. Bei den restlichen 30%  der behandelten Tiere gelingt es, dass sie sogar ein anfallsfreies Leben führen können. Auf eventuelle Nebenwirkungen muss geachtet werden. Regelmäßige Kontrollen  zur Überwachung von Leber, Nieren etc. sollten  selbstverständlich sein. Oftmals sind die Epileptikerhunde ein Leben lang auf die Medikamente angewiesen. Die Lebenslänge wird bei den erfolgreich behandelten Patienten nicht beeinträchtigt. Es kann sich aber sehr dramatisch für den Hund auswirken, wenn die regelmäßige Gabe der Mittel vergessen wird oder  jemand versucht, sie plötzlich abzusetzen.

Die Besitzer eines Epileptikerhundes werden von uns intensiv auf das Eintreten eines eventuellen Anfalls vorbereitet. Dazu erhalten die Verantwortlichen Medikamente mit nach Hause, die sie dem Tier im Notfall verabreichen können.

Liebe Frau K., Sie haben nun sehr viele Informationen und Hinweise gefunden, auf die Sie im Zusammenleben mit Sam achten. Ich wünsche Ihnen und Sam sehr herzlich, dass es nicht zu einem zweiten Anfall kommt. Es wäre schön, wenn Sie ein unbeschwertes gesundes Beisammensein mit Sam genießen können.

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