Neigen Katzen nach einer Kastration zu Harnsteinen?

Unser Kater Rudi soll demnächst kastriert werden. Wir haben gehört, dass Katzen nach dieser Operation zu Harnsteinen neigen. Stimmt das? Was können wir tun? Maik R., Elmenhorst

Lieber Herr R.,
es ist richtig, dass kastrierte Kater unter den Harnsteinpatienten am häufigsten vertreten sind.

Berichte über Harnsteine bei Tieren zeigen, dass schon in vormenschlichen Zeiten Harnsteine gebildet wurden. So wurde z.B. ein fossiles Konkrement in einem Meeresreptil gefunden, das vor ca. 80 Millionen Jahren gelebt hat. Der älteste Harnstein eines Menschen wurde im Skelett eines Grabes in Ägypten  4800 v. Christi nachgewiesen. Das Steinleiden beim Menschen hat in den industrialisierten Ländern außerordentlich an Bedeutung gewonnen. Mit einem Vorkommen von 5% spricht man von einer Volkskrankheit, aber auch von einer Wohlstandskrankheit.

Bei nahezu allen Tierspezies wurden in den harnableitenden Organen Konkremente nachgewiesen. Bereits 1862 haben sich die Pathologen der Tierärztlichen Fakultät Dresden mit den Erkrankungen der harnleitenden Organe der Katze beschäftigt.

Was verstehen wir unter Harnsteinen? Es handelt sich um Zusammenlagerungen von Mineralstoffen in den ableitenden Harnwegen. Sind sie eher klein, bezeichnet man sie als Kristalle oder Gries. Sind sie größer, bezeichnen wir sie als Harnsteine. Entsprechend ihrer chemischen Zusammensetzung unterscheiden wir zwischen Struvit- und Kalziumoxalatsteinen.

Heute gehen wir davon aus, dass 8 bis 10%  der Katzen ein- oder mehrmals in einem Zeitraum von 10 Jahren Probleme mit dem unteren Harntrakt haben. Diese sind wissenschaftlich sehr gut untersucht. Über die Ursachen wissen wir recht gut Bescheid. Daher gibt es auch einige vorbeugende Maßnahmen die das Risiko verringern, dass Rudi an Harnstein erkrankt. Diese Zusammenhänge möchte ich Ihnen nun erklären.

  1. Genetik

Die Rasseliste der am häufigsten an Harnstein erkrankten Katzen wird von der Europäisch Kurzhaarkatze und der Perserkatze.angeführt. Die genetischen Faktoren spielen  für die Entstehung von Harnsteinen eine bedeutende Rolle.

  1. Infektionen

Außerdem begünstigen bakterielle Harnwegsinfektionen die Bildung von Struvitsteinen. Die Bakterien verursachen ein alkalisches  Harnmilieu, d.h. der ph-Wert steigt. Bei ph-Werten über 7 sind bestimmte Kalzium- und Magnesium-Phosphate schwerer löslich als im sauren Bereich. Bei einer Studie, die zur Entstehung von Konkrementen  durchgeführt wurde, litten ca. 60% der Katzen an Harnwegsinfektionen.

3.  Übergewicht

Die Katze ist der Vierbeiner, bei dem die Ernährung die Bildung von Harnsteinen am deutlichsten beeinflusst. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Haltungsbedingungen  in den Städten und Wohnungen mit mehr oder weniger Einschränkungen des Lebensraumes, Spiel- und Bewegungsmangel, Kastration, Aufnahme von nährstoffkonzentriertem Futter sehr verändert. Ein hoher Anteil (ca. 40%) der Vierbeiner, die wegen Harnsteinen untersucht wurden, waren zu schwer und zu dick. Übergewicht senkt die Abwehrkaft gegen Infektionen und begünstigt damit die Bildung von Harnsteinen. Außerdem ist es der übergewichtigen Katze oft viel zu mühsam, um den Wassernapf oder das Katzenklo aufzusuchen. Sie trinken weniger. Die Gefahr einer Harnsteinbildung ist deutlich erhöht. Sie sehen, einer der wichtigsten Faktoren, den Sie nach der Kastration von Rudi kontrollieren sollten, ist sein Gewicht. Indem er fit und sportlich bleibt und gesund ernährt wird, trotzt sein Immunsystem bakteriellen Erregern.

4. Stress

    Stress verändert aufgrund der heftigen Hormonausschüttung die Stoffwechsellage in Richtung saures Milieu. Dieses begünstigt die Entstehung von Kalziumoxalatsteinen. Die Zusammenhänge zwischen Stress und Harnsteinen wurden in verschiedenen Untersuchungen am Menschen, bei Hunden und bei Katzen nachgewiesen. Manchmal scheiden sich die Geister an dem Begriff „Stress“. Während den Menschen vor allem Hektik, Eile, Druck und Überlastung stressen, leiden Katzen heute eher an Langeweile, Unterforderung und zu wenig Aufmerksamkeit. Sie verhalten sich dabei jedoch häufig völlig ruhig und fallen nicht auf. Es erfordert eine hohe Beobachtungsgabe, den individuellen Anforderungen einer Katze gerecht zu werden. Am besten wäre es, wenn Sie Rudi Freigang gewähren. Als Freigänger markiert er regelmäßig sein Revier. Die Harnwege werden ständig gespült und bleiben gesund.

           5.  Anatomische Verhältnisse

      Bei einem Kater ist die Harnröhre länger und an einigen Stellen enger als bei der Katze. So können bereits kleine Steine leicht zu einem Verschluss führen. Grundsätzlich neigen Katzen zu Harnwegs- und Nierenerkrankungen. Dies ist wahrscheinlich auf ihre Abstammung von der Wüstenkatze zurückzuführen. Wie ihre Ahnen, kommt unsere Hauskatze recht gut mit wenig Wasser aus, trinkt nicht so viel und bildet demzufolge kleine Mengen hochkonzentrierten Urins. Die Harnwege werden also weniger „durchspült“. Die Mineralstoffe im Urin überdauern hier recht lang und lagern sich zu Kristallen oder sogar Steinen zusammen.

           6.  geringe Wasseraufnahme

      Um den Harntrakt ausreichend mit Flüssigkeit zu versorgen, muss Rudi viel trinken. Folgende Tipps können seine Wasseraufnahme erhöhen:

      -          Verteilen Sie mehrere Wassernäpfe an verschiedenen Stellen im Haus oder in der Wohnung.

      -          Positionieren Sie den Wassernapf in gebührender Entfernung vom Futternapf (mind. 2m). Katzen schätzen Sauberkeit und das Futter darf ihr Wasser auf keinen Fall verschmutzen.

      -          Überraschen Sie Rudi mit einem speziellen Wasserspender mit integrierter Sprudelvorrichtung. Katzen lieben Wasserspiele. Wenn Rudi sich damit beschäftigt, wird er auch mehr trinken. Manche Katzen finden es sehr aufregend, Wasser direkt aus dem Wasserhahn aufzunehmen.

      Als Katzenhalter können Sie viele sinnvolle Maßnahmen für die Gesundheit Ihres Tieres durchführen. Erwarten Sie jedoch bitte nicht, dass Sie Ihr Tier zu 100% vor Harnsteinen schützen. Diese Sicherheit kann Ihnen keiner geben. Deshalb bitte ich Sie, Ihren Kater sehr gut zu beobachten, damit Sie eventuelle Schmerzen oder Probleme rechtzeitig erkennen. Verdächtig erscheint eine Katze, die häufig das Katzenklo aufsucht und erfolglos und unter Schmerzen versucht, Urin abzusetzen. Manchmal findet man auch Blut in der Einstreu. Die betroffenen Katzen putzen übermäßig ihre Genitalregion. Oft sind sie apathisch oder reagieren aggressiv. In vielen Fällen werden sie unsauber. Wird die Gefahr nicht erkannt, besteht Lebensgefahr. Der Urin kann mit seinen Giftstoffen nicht mehr ausgeschieden werden, die Harnwege verstopfen. In etwa 80% der Fälle ist ein operativer Eingriff notwendig. Mit speziellen Diäten, die nur beim Tierarzt zu beziehen sind, können Sie Struvit- aber auch den Oxalatsteinen  wirksam begegnen und vorbeugen. Gut, dass Sie sich rechtzeitig mit diesen Fragen auseinandersetzen. Nun kann der sinnvollen Prophylaxe nichts mehr im Wege stehen.

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