Was passiert bei einem Bandscheinbenvorfall?

Unser Rauhaar-Dackel Bruno ist jetzt 8 Monate alt und macht uns sehr viel Freude. Die Züchterin machte uns darauf aufmerksam, dass Dackel zu Bandscheibenvorfällen neigen. Sind davon wirklich alle Hunde betroffen? Woran erkennen wir einen Bandscheibenvorfall? Wie sollen wir uns im Fall des Falles verhalten?

M. und B. Peters, Mönchhagen

Liebe Frau Peters, lieber Herr Peters,

theoretisch kann jeder Hund einen Bandscheibenvorfall erleiden. Er entsteht meist durch Überlastung oder durch degenerative Vorschädigungen der Bandscheiben. Der Bandscheibenvorfall kann jedoch auch akut auftreten, z.B. beim Springen von der Couch oder aus dem Auto. Aber auch ein Unfall kann ihn hervorrufen. Übergewicht erhöht das Risiko für einen Bandscheibenvorfall. Insbesondere genetische Veranlagungen spielen eine große Rolle. Kleine Rassen mit langem Rücken wie Ihr Bruno sind besonders im Bereich der Brust- und Lendenwirbelsäule  gefährdet. Deshalb wird der Bandscheibenvorfall gern als Dackellähme bezeichnet. Große Rassen wie Doggen und Dobermann  haben häufiger Probleme an der Halswirbelsäule. Der Deutsche Schäferhund erkrankt eher im am Übergang der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein.

In den letzten Jahren haben verantwortungsvolle Züchter in einzelnen Verbänden großen Wert auf die Zucht auf relativ kurze Rücken gelegt. Die Anzahl der Bandscheibenvorfälle ist statistisch bei den Teckeln zurückgegangen. Ich halte  es für sehr verantwortungsvoll von Ihrer Züchterin, auf die Gefahr hinzuweisen.

Eine Bandscheibe besteht aus einem Bandscheibenring und einem Bandscheibenkern. Sie ermöglicht eine beschränkte Beweglichkeit der Wirbelkörper zueinander. Außerdem erfüllt sie eine wichtige Stoßdämpferfunktion. Entsteht ein Riss im Bandscheibenring, können Teile des Kerns hervorquellen. Dabei kann sich der Kern vorwölben (Protrusion) oder ganz hervorquellen (Prolaps). Dadurch wird das Rückenmark im Wirbelkanal gequetscht. Das verursacht beim Hund Schmerzen unterschiedlichen Ausmaßes im Rückenbereich. Der Hund reagiert sehr empfindlich auf Berührungen. Wenn er eine erträgliche Lage gefunden hat, bleibt er am liebsten liegen und bewegt sich so wenig wie möglich. Es können aber auch Lähmungserscheinungen der Gliedmaßen auftreten. Oder das Tier hat Schwierigkeiten beim kleinen und/oder großen Geschäft.

Wenn Sie diese Reaktionen bei Bruno beobachten, sollten Sie sofort Ihren Tierarzt aufsuchen.

Ein akuter Bandscheibenvorfall ist ein Notfall. Transportieren Sie den Hund in Seitenlage auf einer festen Unterlage wie einem Brett. Halten Sie ihn ruhig und vermeiden Sie unnötige Bewegungen.

Der Tierarzt wird die Diagnose nach einer intensiven neurologischen Untersuchung mit einem Röntgenbild absichern. Manchmal ist auch eine Darstellung im CT oder MRT nötig.

Die Behandlung des Bandscheibenvorfalls richtet sich nach der Schwere der klinischen Probleme und der Befunde der Untersuchung. Wird ein Tier jedoch nicht rechtzeitig vorgestellt und die Beschwerden sind zu weit fortgeschritten, ist die Prognose fraglich. Um dem Patient zu helfen hat der Tierarzt zwei Möglichkeiten: ein operativer Eingriff an der Wirbelsäule oder die konservative Therapie. Bei leichten Schmerzen ohne Nervenfunktionsstörungen reicht oft eine medikamentöse Behandlung mit ausgiebiger physiotherapeutischer Betreuung. Angesichts der guten Erfahrungen und Prognosen ist eine Operation empfehlenswert wenn Lähmungserscheinungen auftreten. Je eher das Kernmaterial entfernt wird, desto schneller lernt der Hund wieder laufen. Wirbelsäulenchirurgie gehört in die Hände von Spezialisten. Diese Operation stellt höchste Ansprüche an die Operationstechnik und Narkoseführung. Aber auch die Zeit nach der Operation stellt hohe Anforderungen an das Klinikpersonal und die Besitzer. Es schließt sich eine lange Regenerationsphase mit intensiver Physiotherapie an. Sobald die Schmerzen unter Kontrolle sind, beginnt das mehrmalige Behandeln pro Tag. Die Muskeln der gelähmten Gliedmaßen müssen durchblutet werden und dürfen sich nicht zurückbilden. Die Gelenke müssen mobil und geschmeidig bleiben. Schwimmübungen und das Laufen auf dem Unterwasserlaufband kombiniert mit Massagen haben nach unserer Erfahrung die deutlichsten Erfolge gebracht. Das unermüdliche Training und konsequente Üben hat sich sogar bei Patienten ausgezahlt, die nach einer Querschnittslähmung keinen Tiefenschmerz mehr empfunden haben. Anders als beim Menschen entwickeln diese Hunde eine Reflexmotorik. Diese erlaubt ihnen Gehen und Stehen ohne die Steuerung durch die Signale aus dem Großhirn. Es ist eine sehr dankbare Aufgabe, wenn diese Patienten nach ihrer Reha wieder durch das Gebüsch schnüffeln und das Beinchen heben. Sicher werden diese Hunde kein Schaulaufen mehr gewinnen, aber ihre Lebensqualität ist hergestellt. Anderen Patienten kann mit einem Rollwägelchen die geliebte Fortbewegung ermöglicht werden. Eine bei uns behandelte Dackelhündin fühlte sich mit dem Wagen so sicher, dass sie mit ihm sogar zum Schwimmen in einen Teich sprang.

Nach der Operation müssen die Wirbelsäulenpatienten intensiv gepflegt werden, um ein Wundliegen und Hautentzündungen zu vermeiden. Die Blasen- und Darmentleerung muss zunächst unterstützt und gefördert werden. Das Nest des Patienten ist sehr sauber zu halten. Die Tiere sollen auf gut gepolsterten Unterlagen mindestens 4x täglich umgelagert werden.

Oft treten Bandscheibenvorfälle bei übergewichtigen Hunden auf. Diese müssen nach der Operation begleitend eine strikte Diät einhalten, um Wirbelsäule und Gelenke langfristig zu entlasten.

Liebe Familie Peters, ein Bandscheibenvorfall ist eine sehr ernstzunehmende Erkrankung. Indem Sie Ihren Bruno gut beobachten und auf etwaige Verhaltensänderungen reagieren, tun Sie sehr viel für Ihren kleinen Liebling. Am besten, Sie achten auf Brunos Gewicht und seine regelmäßige sportliche Betätigung.

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